Kondolenzbuch

Martina Br├╝ckner # Liebe Anita,
es passiert mir nicht oft, dass ich sprachlos bin. Doch als ich am 28. Dezember in der online-Abendausgabe der Stuttgarter Zeitung völlig unerwartet den Nachruf auf Manu gelesen habe, hat es mir schlichtweg die Sprache verschlagen. „Das kann nicht wahr sein“, war mein erster Gedanke. Hier muss ein Irrtum vorliegen. Doch nicht ausgerechnet jetzt, wo sich endlich alles zum Guten gewendet hatte und ihr zusammen in Essen angekommen wart… Beruflich bin ich eigentlich darin geübt, dem Anlass entsprechende Worte zu finden – aber wie sollen die denn hier aussehen? Wie kann man angesichts dieses Verlusts, dieser Ungerechtigkeit und Unfassbarkeit tröstende oder gar „passende“ Worte finden?...

In meiner Sprachlosigkeit und meinem Erinnern an Manu ist mir vor allem eine Situation wieder ins Bewusstsein gerückt – ein gemeinsamer Theaterbesuch im Frühjahr 2013 an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, wo Du eine phantastische Rolle in Shakespeares Richard III gespielt hast. Gemeinsam mit Sandra waren wir von Esslingen aus zur Premiere nach Ludwigsburg gefahren. Ich fast starr vor Ehrfurcht, gemeinsam mit dem Intendanten der Württembergischen Landesbühne eine Aufführung zu besuchen und aufgeregt vor Sorge, dass spätestens nach fünfminütiger Unterhaltung meine kulturelle Halbbildung auffliegen würde – völlig zu Unrecht, wie sich bald herausstellen sollte: Ich fühlte mich (auch wenn ich intellektuell in einer ganz anderen Liga zuhause war) von Manu immer wertgeschätzt und  ernst genommen. So diskutierten wir bald nicht mehr nur über die aktuelle Inszenierung und Deine sensationelle Darbietung, sondern auch darüber, was Kunst generell ausmacht und leisten kann.

„Kunst ist, wenn es gelingt, die Menschen zu berühren.“ - Diesen Satz Manus habe ich mir seitdem eingeprägt wie kaum einen zweiten – hat er doch meinen Umgang mit Kunst und Kultur nachhaltig geprägt und wesentlich unbefangener gemacht: Ich kann mich an einem Bild erfreuen, ohne dieses exakt epochal einordnen zu können. Ich darf ganz einfach sagen, ob mir ein Theaterstück gefällt, mich dieses fröhlich oder traurig stimmt, ohne jede einzelne Szene mit anderen Inszenierungen vergleichen und bewerten zu müssen. Mich darf ein Gedicht zum Weinen bringen, ohne dass ich den Chiasmus oder andere Stilmittel darin erkenne.

Kunst ist, wenn es gelingt, die Menschen zu berühren – in diesem Sinne war Manu selbst große Kunst, bzw. ein großer Künstler. Denn Manu hat die Menschen berührt. Mit seiner Freundlichkeit, seinem unglaublichen Wissen (dem jegliche Arroganz fern war), seiner Kunstfertigkeit, mit Sprache umzugehen, seiner Neugier, Bescheidenheit, Offenheit und Unvoreingenommenheit.

Manus Zitat wird mich auch künftig auf meinen kulturellen Ausflügen begleiten – genauso, wie es mich auch schon in der Vergangenheit auf so mancher Premiere oder Vernissage gerettet hat, wenn mir im Gespräch mit allzu "wissenden" Menschen die Felle wegzuschwimmen drohten: Sein Satz „Also, ich finde ja, Kunst hat vor allem die Aufgabe, Menschen zu berühren“ hat stets genügt, um mein Gegenüber zum Schweigen – und zum Nachdenken zu bringen.
  
Dass Manu nicht mehr auf dieser Welt ist, ist unfassbar und ein riesiger Verlust. Ich bin sehr traurig, aber auch sehr dankbar, dass ich ihn gekannt habe. Und auch wenn mir immer noch die Worte fehlen, so kann ich doch eines mit Sicherheit sagen: Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren.

Liebe Anita, liebe Natalie und Ladina, ich bin in dieser schweren Zeit mit meinen Gedanken bei Euch.
Martina